Dan Trautwein
Live

Theatralische Ekstase: Nils Keppel live im Festsaal Kreuzberg 

Nils Keppel war in den vergangenen Wochen mit seinem Debütalbum „Super Sonic Youth“ auf ausgedehnter Tour, die ihn durch insgesamt 13 Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz führte. Am 28. März 2026 spielte er seinen Tourabschluss im Berliner Festsaal Kreuzberg. Zwischen verwegener Schwermut und theatralischer Ekstase präsentierte er uns eine energiegeladene Show. 

In melancholische Wehmut versetzt uns zunächst der Support Act des Abends, Tim Adieu, der sich selbst als „Leipziger Sänger, Raucher und Multitalent“ versteht. Melancholie sei seine Kernkompetenz — und das können wir bestätigen. Mit der Attitüde eines eigentümlichen Alleinunterhalters, stimmungstechnisch am existenziellen Abgrund und mit einem Sound, der sich vielleicht am besten als eine Art Dark Schlager definieren lässt, besingt Tim Adieu mit beeindruckender Bassstimme die Enttäuschungen und Sehnsüchte unserer Zeit und bringt dabei das Publikum zum Schwelgen. 

Tim Adieu – immer noch ziehen die Sterne

Kurze Zeit später, nach einem majestätischen Klang-Intro, betritt Nils Keppel samt Band inmitten von weiß glitzernden Lichtern die Bühne. Bereits ab dem ersten Song fegt Nils voller Energie und Präsenz über die Bühne. Es bedeute ihm viel, dass der Festsaal an diesem Abend so gut gefüllt ist, sagt er; schließlich riet man ihm davon ab, eine Venue in dieser Größe zu bespielen. Tatsächlich ist das angeheizte Publikum bereits ab der ersten Minute ganz bei ihm, während Nils seine Songs mit verlängerten Instrumentalparts klanglich ausdehnt und dabei mit effektreichen Gitarren das Debütalbum „Super Sonic Youth“, das am 13. Februar 2026 erschien, sowie einige ältere Songs auf ekstatisch mitreißende Weise neu interpretiert.

Man kauft Nils Keppel das ab, was er auf der Bühne performt; theatralisch aber nicht künstlich aufgesetzt gestikuliert er selbstbewusst während er seine Songs singt — und manchmal schreit. Gleichzeitig springt er in Rockstar-Manier kreuz und quer zwischen flackernd-kühlen Lichtern über die Bühne. Man schaut ihm gerne dabei zu. Mit seiner Band bildet er eine künstlerische Symbiose. Im Kontrast dazu gibt er sich in seinen spärlichen Ansagen zwischen den Songs eher zurückhaltend sympathisch. Es scheint, Nils weiß genau, was er da tut, bringt sichtlich bereits einige Bühnenerfahrung mit. Schon im Jahr 2024 spielte er im ausverkauften Kreuzberger SO36. 

Nils Keppel – Fremder Traum

Der 25-jährige Musiker aus Leipzig behandelt in seinen Songs die vorbeiziehende Jugend und widmet sich den immer wiederkehrenden Fragen: haben wir unsere Zeit wirklich vollends ausgekostet? Haben wir es genossen, solang es noch anhielt? Seine eher schwermütigen Texte kaschiert oder betont er wahlweise mit einer verwegenen Post-Punk-Performance, die uns tief in seine musikalische Welt führt. Als Special Guest begrüßt Nils an diesem Abend Lilli Belle auf der Bühne des elektrisierten Festsaals, gemeinsam performen sie zwei Songs. Auf seinem Album findet sich auch ein Feature mit der Musikerin: die eskapistische Ballade „Raus in die Welt“. 

Nils Keppel – Raus in die Welt (feat. Lilli Belle)

Nils Keppel entzieht sich mit seiner Live-Show der Erwartung, als junger Künstler Muster des musikalischen Mainstreams zu bedienen, sondern schafft mit seinem Sound eine ganz eigene, künstlerisch experimentelle Welt, die uns an diesem nass-kalten Samstagabend im März in ihren Bann zieht.

Foto: Dan Trautwein