Die Fans feiern Kraftklub – Kraftklub feiern ihre Fans
Kraftklub sind seit über einem Jahrzehnt eine der lautesten Stimmen der deutschsprachigen Musikszene: Die fünf Jungs aus Chemnitz, die ihre Gitarrenlicks mit Rap-Attitüde und viel Ironie verbinden, sind unter anderem bekannt für außergewöhnlich gute Promophasen. Auch 2025 haben sie ihre Fans beim Release des aktuellen Albums “Sterben in Karl-Marx-Stadt” nicht enttäuscht. Was im vergangenen Mai mit einem mysteriösen Countdown hoch über der Chemnitzer Stadthalle begann, entlud sich mit zahlreichen, kleinen und großen, geplanten und spontanen Überraschungskonzerten in der gesamten Bundesrepublik. Dieses Happening sorgte in der Branche und bei den Fans für Vorfreude auf die 2026 folgende Albumtour quer durch die großen Hallen des Landes (ok, in Luxemburg, Graz und Wien spielen sie natürlich auch noch).
Münster, 04.03.2026 – Der zweite Stopp der “Sterben in Karl-Marx-Stadt”-Tour ist Münster. Die Tickets für das Kraftklub-Konzert in der Halle Münsterland waren bereits 4 Minuten nach Verkaufsstart ausverkauft. Mit ihren circa 6.500 Plätzen ist die Halle im deutschlandweiten Vergleich nicht besonders groß, in Münster und Umgebung aber doch die größte Indoor-Location für Konzerte.
Kraftklub – Marlboro Mann (Musikvideo)
Noch bevor der Abend beginnt, noch bevor Voract Shelter Boy loslegt, betritt Felix Kummer, Frontsänger von Kraftklub, die Bühne. Er lässt seinen Blick durch die ausverkaufte Halle schweifen und schwelgt gemeinsam mit dem Publikum in Erinnerungen. Er wisse schon gar nicht mehr, wie oft sie mittlerweile in Münster gespielt haben, aber er könne sich noch gut an die Anfänge erinnern. Vor allem an die ersten Konzerte in größeren Locations wie dieser: Kraftklub hat als Vorband von bekannten Acts wie den Beatsteaks oder Fettes Brot angefangen und sich nicht träumen lassen, solche Hallen selbst einmal füllen zu können. Er sei extra noch in “privater” Kleidung vor Beginn des Konzertes herausgekommen, damit er das Publikum um die gleiche Wertschätzung bitten kann, wie sie Kraftklub damals glücklicherweise widerfahren sei. Diese lieben, anerkennenden Worte setzen den Ton für den ganzen Abend.
Dass Shelter Boy so große Bühnen wie am heutigen Abend noch nicht häufig bespielt hat, erkennt das Publikum lediglich am kleinen Backdrop, das auf der großen Bühne etwas verloren scheint. Er macht leicht melancholischen, verträumten Gitarrenpop und bietet damit einen perfekten Start zum Warmtanzen und -klatschen. Zwischen den Songs im eher kurzen Set gibt er ein paar sympathische Einblicke in sein Leben. Er verrät zum Beispiel, dass er aus Zwickau kommt und Kraftklub daher schon aus Schülerband-Zeiten kennt. Außerdem hat er dem Publikum ein paar neue Lieder mitgebracht, die – anders als bisher – auf deutsch geschrieben wurden: Zu seinem Song “Z” erklärt er, dass er ihn über seine Heimat geschrieben hat und setzt im Text ein klares Zeichen gegen Rechts. Spätestens hier wird klar, wie viel ihn mit Kraftklub verbindet. Das Publikum stimmt begeistert zu und wird gerade beim letzten Song seines Sets mitgerissen.
Funfact: Wer in der Umbaupause aufpasst, könnte meinen, dass Kraftklub mit der Pausenmusik versucht haben, die Frauenquote an diesem musikalischen Abend etwas hoch zu halten. Denn bis auf den letzten Song vor Konzertbeginn sind alle Lieder echte Banger von weiblichen Artists. Das wird vom Publikum durch lautes Mitsingen bestätigt.
Die Pausenmusik verstummt, die Halle Münsterland verdunkelt sich: Das Intro von “Marlboro-Mann” erklingt und die Band betritt in weißen Outfits und roten Hosenträgern die Bühne. Gleichzeitig schwebt der aus der Promophase bekannte rote “Kraftklub”-Schriftzug vom Albumcover von der Decke. Direkt beim ersten Song schießt Konfetti durch die Halle und die ersten Moshpits öffnen sich. Kraftklub ist als exzellente Liveband bekannt, möchte aber scheinbar trotzdem klar machen, dass sie mit jeder Tour noch eine Schippe drauflegen. Das zeigt sich auch im Technikaufgebot, denn während des ganzen Konzertes gibt es eine Live-Kameraübertragung, die artsy an die große Rückwand der Bühne projiziert wird. Die Kameramenschen übertragen alles. Auch, wie Felix zwischendurch den Konzertsaal verlässt und plötzlich an der Garderobe oder beim Merchstand sitzt. Auch den Weg durch die Menge zur kleinen Bühne in der Mitte der Halle und durch das Gedränge zurück können alle Konzertbesucher:innen mitverfolgen.
Auf dem Weg zur kleinen Bühne verschenkt Felix noch schnell ein Shirt, das er vom Merch mitgenommen hat, und sinniert darüber, dass die Band sich zur Anfangszeit niemals getraut hätte, die heutigen Preise zu nehmen. Wie alle Live-Auftritte sind Kraftklub-Konzerte teurer geworden. Dass die Band diese Preisentwicklung nicht ignoriert, kann man ihnen zugute halten. Natürlich zahlen die Fans auch für größere Hallen, mehr Bühnentechnik und sämtliches Drumherum, das Auftritte zu dem macht, was sie heute sind.
Kraftklub – Schief in jedem Chor (Musikvideo)
In der letzten Hälfte des Konzerts wechseln Kraftklub auf eine kleine Bühne im Publikum und dirigieren den “wohl größten schiefen Chor in ganz NRW an dem Abend”. Dieser 6500-Personen-Chor singt auch noch weiter, als die Band schon lange wieder auf dem Weg zur Hauptbühne ist, und muss am Ende ab-dirigiert werden. “Wir wussten vorher nicht, dass das auf den Konzerten passieren würde”, sagt Frontsänger Felix glücklich dazu. Während des gesamten Konzertes zeigt er in solchen Momenten immer wieder, wie sehr die Band auch ihre Fans feiert. Egal, ob beim Bühnenselfie mit Fans nach dem Mini-Glücksrad-Drehen auf der Bühne (es ist seit der letzten Tour um ein circa 100-faches geschrumpft) oder in der kleinen Sicherheitsanweisung á la “passt auf euch und alle anderen auf” – Kraftklubs stabile Fanbase kommt nicht von irgendwo.
Dass diese Fanbase seit über zehn Jahren wächst, wird noch einmal zum Ende des Konzerts deutlich, als die Setlist mit “Songs für Liam” oder “Schüsse in die Luft” noch einmal an die Anfänge der Band erinnert. Dass auch einige OG-Fans aus “Ich will nicht nach Berlin”-Zeiten in Münster anwesend sind, kann man vielleicht am kollektiven “UFF” beim in-die-Knie-Gehen für den ein oder anderen Stadionpart erkennen.
Nach drei Zugaben und knapp zweieinhalb Stunden ist der Abend vorbei. Felix bedankt sich für das gemeinsame “Zeit aus dem Fenster werfen” und verbeugt sich zusammen mit allen Bandmitgliedern vorm Publikum. Die Fans verlassen zögerlich den Raum, während das letzte Konfetti in der warmen Hallenluft tanzt. Auf den Stop in Münster folgten noch über 20 Konzerte der “Sterben in Karl-Marx-Stadt”-Tour und im Sommer spielen Kraftklub auch einige große Open Airs, die zum Teil noch nicht ausverkauft sind. Auch Shelter Boy geht in diesem Jahr noch auf Tour und spielt Ende des Jahres noch sechs Solo-Konzerte. Auch Münster stattet er am 6. November wieder einen Besuch ab.
Text: Lea Merschformann & Maren Mußenbrock
Foto: Philipp Gladsome


