Die Rückkehr zur Quelle – Heaven Shall Burn mit ihrem neuen Album „Heimat“
„Heimat“ ist vielleicht ein Begriff, den kaum jemand bei Heaven Shall Burn erwartet hätte. Doch die thüringischen Metalcore-Veteranen haben mit ihrem zehnten Studioalbum genau jene semantische Brücke geschlagen, die das Genre benötigte: zwischen der Brutalität des Sounds und der Zärtlichkeit des Zugehörigkeitsgefühls.
Seit 1996 lotsen Heaven Shall Burn die deutsche Metal-Szene durch die Untiefen zwischen Kommerz und Kompromisslosigkeit. Was in Saalfeld als jugendlicher Aufschrei gegen gesellschaftliche Missstände begann, hat sich zu einer der konsistentesten politischen Stimmen des deutschen Extreme Metal entwickelt. Der Nachfolger zu „Of Truth & Sacrifice“ (2020) markiert nun eine bemerkenswerte künstlerische Reife und präsentiert sich als kraftvolles Album zwischen Metalcore und Melodic Death Metal mit zahlreichen Höhepunkten.
Der Albumtitel ist Programm und Provokation zugleich. In Zeiten politischer Vereinnahmung reklamieren Heaven Shall Burn den Heimatbegriff für eine humanistische Vision zurück. Heimat wird hier nicht als Abgrenzung verstanden, sondern als Ort der Solidarität und des Widerstands. Besonders der Opener „War Is The Father Of All“ zeigt diese Haltung: Mit Orchesterklängen und schweren Riffs entsteht eine eindrucksvolle Symbiose aus Zerstörung und Gedenken, die das gesamte Album durchzieht.
Heaven Shall Burn – War Is The Father Of All
Musikalisch bewegen sich die Thüringer in gewohnter Perfektion zwischen melodischen Passagen und brutalen Ausbrüchen. Die Gitarrenarbeit von Maik Weichert und Alexander Dietz erreicht neue Dimensionen der Komplexität, ohne dabei an Eingängigkeit zu verlieren. Marcus Bischoffs Gesang changiert zwischen gutturalem Growling und melodiöseren Passagen, die den emotionalen Gehalt der Lyrics unterstreichen. Als Deutschlands führende Metalcore-Export-Band liefern sie tadellos ausgeführte Stücke voller melodiöser Wut ab, die Metalcore noch nie so gut klingen ließen.
Besonders beeindruckend ist die Art, wie die Band ihre skandinavischen Einflüsse mit deutschen Texten zu einer eigenständigen Ästhetik verschmilzt. Das siebminütige Titelstück entwickelt sich zu einem wahren Epos der Selbstvergewisserung, in dem Heaven Shall Burn die Widersprüche ihrer eigenen Existenz als deutsche Band mit internationalem Sound und lokaler Verwurzelung in eine überzeugende musikalische Synthese überführen.
„Heimat“ ist damit weit mehr als nur ein weiteres Album einer etablierten Metal-Band. Es ist ein Statement zur kulturellen Identität im 21. Jahrhundert und der Beweis, dass Extreme Music zur Herzensangelegenheit werden kann, ohne dabei an Glaubwürdigkeit oder Intensität zu verlieren. Ein Meisterwerk der Reife.
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Foto: Candy Welz


