Christin Nichols
Interviews

Christin Nichols im Interview über ihr neues Studioalbum

Als „Hopecore“ beschreibt Christin Nichols ihren Sound und kreiert damit ihr ganz eigenes Genre: eine Melange aus Indierock, Postpunk und Pop. Lyrisch bewegt sich Christin dabei zwischen Euphorie und Selbstermächtigung. Ihr neues Studioalbum „Christin Nichols“ erscheint am 24. April 2026 via PIAS.

Christin, am 24.04. erscheint dein neues Album, das so heißt wie du. Was hat sich verändert? Was ist anders als bei den beiden Alben davor?

Christin: Irgendwie hat sich dieses mal einfach alles richtig angefühlt bei der Entstehung des Albums. Ich bin so sicher und so sehr bei mir wie noch nie. Und ich glaube, das hört man auch auf dem Album, bei jedem Song. Die Platte ist kompromissloser, roher und ich habe das Gefühl, wirklich meine Essenz eingefangen zu haben.

Die Elektropop-Anteile auf „Christin Nichols“ fährst du gegenüber deiner bisherigen Alben stark zurück. War das eine bewusste Entscheidung?

Christin: Ich mache nie bewusste Entscheidungen, haha. Also zumindest nicht im kreativen Prozess und in meiner künstlerischen Arbeit. Ich habe meine Kraft ziemlich intuitiv dahin fließen lassen, wo sie organisch hin wollte. Da war dann irgendwie weniger Platz für Synthies. 🙂

Du nennst deine Musik „Hopecore“. Was genau bedeutet das?

Christin: Jeder kennt diese Lebenslagen, in denen man das Gefühl hat, nie wieder rauszukommen, das nicht zu überstehen. Sich dann doch irgendwie immer wieder selber am Schopf heraus zu ziehen, das Gefühl sich selbst und diese Dunkelheit zu überwinden, das habe ich versucht in Musik zu packen. Das ist Hopecore. Uns geht es doch fast allen gleich darin. Und gemeinsam ist man einfach stärker im Kampf gegen die Dunkelheit.

Im Song „Keine Kontrolle“ thematisierst du die hormonelle Störung PMDS. Möchtest du erklären was genau es damit auf sich hat und warum du das in einem Song thematisieren möchtest?

Christin: PMDS (Prämenstruelle Dysphorische Störung) ist eine schwere, zyklusgebundene psychische Erkrankung, von der etwa 3–8 % der menstruierenden Personen betroffen sind – mit Symptomen wie extremer Depression, Hoffnungslosigkeit und Kontrollverlust kurz vor der Periode. Studien zeigen alarmierend, dass Betroffene ein massiv erhöhtes Risiko für suizidale Gedanken haben (über 70 %) und auch Suizidversuche deutlich häufiger vorkommen als in der Allgemeinbevölkerung. Trotzdem wird PMDS oft verharmlost oder übersehen, obwohl sie akut lebensgefährlich sein kann und dringend ernst genommen sowie behandelt werden muss. Den Kontrollverlust durch diese Krankheit thematisiere ich in „Keine Kontrolle“.

In deiner Single „Spotlight“ singst du „So biet ich dir ‘ne Fläche, Projektion bis Angriff, du kannst mich nicht verletzten, weil du jetzt gar nicht dran bist“ und thematisierst Hass im Netz, insbesondere gegenüber Frauen. Erfährst du viel Hass und Bedrohung auf Social Media? 

Christin: Ja, und wie. Von Männern. Ich habe wirklich vor einem Großteil dieser Gruppe den Respekt verloren und finde, diese Art von Männer sind noch nicht einsam genug. Aber ich erfahre auch sehr viel Liebe für meine Arbeit und schätze das Potential sich über Sichtbarkeit auch mit tollen Menschen zu verbinden. 

Wie gehst du damit um? Hast du Rat für andere Betroffene?

Christin: Ich glaube, Frauen müssen sich stärker verbinden. Das kreeirt eine unglaubliche Kraft. Decentering Men ist immer eine gute Option. Das Bild, nur vollstädig in einer Partnerschaft oder gar mit Kindern zu sein, ist obsolet. Und Männer fangen vereinzelt gerade an zu reflektieren oder tun es bereits. Das finde ich toll. Ideal wäre, in einer echten Gemeinschaft, miteinander zu leben.

Im Gegensatz dazu ist deine Single „Noch wach“ erstaunlich leicht inhaltlich. So einen Lovesong kannten wir von dir noch nicht. Wie kam es dazu?

Christin: Ich schreib mir manchmal selber Lieder, die ich gerade brauche. In denen ich Leichtigkeit, Wärme, Unbeschwertheit verpacke und dadurch ein bisschen heller werde. Das ist ein schlauer Move, der mir da eingefallen ist hahaha.

Du arbeitest auf dem neuen Album unter anderem mit Gwen Dolyn von Tränen auf dem Song „Bittere Pillen“ und Steffen Israel von Tränen und Kraftklub auf dem Song „Ich weiß“ zusammen. Wie habt ihr euch kennengelernt?

Christin: Steffen habe ich schon vor Jahren auf einem Konzert seiner Hardcore-Band kennengelernt und Gwen etwas später auf einem Festival wo wir beide gespielt haben. Ich freu mich sehr über diese beiden liebevollen und schönen Verbindungen und dass sie beide jeweils auf meinem Album ihren wertvollen Beitrag leisten.

Du singst im Song „Andere Frauen“: „Ich crave Connections zu anderen FLINTA, weil wir mächtig sind wenn wir uns verbinden“. Findest du, dass das noch zu wenig passiert sowohl in der Musik als auch in der Gesellschaft?

Christin: Ich bin in den 2000ern aufgewachsen mit der „Es kann nur eine geben“-Mentalität. Wo Frauen sich in jedem Film um Männer gestritten haben. Wo Frauen auf allen Zeitungs- und Magazincovern miteinander verglichen wurden, Körper geshamed wurden, man sich übereinander erhoben hat. Gott sei dank hatte ich den ein oder anderen Ego-Tod und habe erkannt, dass Frauen gegeneinander ausspielen nur ein patriarchales Machtinstrument ist. Fragile Männer haben Angst von Frauen und Frauengruppen ausgelacht und lächerlich gemacht zu werden, das finde ich gut. Im Hinblick darauf, dass Frauen Angst davor haben von Männern getötet zu werden, ist das ein sehr einfaches Instrument was wir da haben. „Du bist ganz anders als andere Frauen“ ist Scam. ich bin genau wie andere Frauen und ich liebe es.

Im Song „Alles ist falsch“ hören wir dich verletzlich wie selten. Was hat dich zu dem Song inspiriert?

Christin: Jeder kennt doch diesen Moment wo man alles in Frage stellt. Jede Entscheidung. Wo sich alles komplett falsch anfühlt, als wäre man falsch abgebogen. Und man steht nun an einem Ort, der sich ganz falsch anfühlt. Das ist der Song. Ich liebe ihn sehr. Auch weil ich hier musikalisch noch mal ganz rausgehe aus meiner Komfortzone.

Du spielst zeitgleich aktuell eine Hauptrolle im Berliner Renaissance-Theater, gehst auf Tour, bringst ein Album raus. Wie schaffst du das alles?

Christin: Das werd ich oft gefragt, ich hab einen guten Apple-Kalender und mache das ja auch schon echt lange so. Ich habe über die Jahre gelernt, gut zu koordinieren. Und darüber hinaus mache ich die ganzen Jobs auch nicht im 9 to 5-Modus, sondern in Inseln. Daher wirkt das manchmal nach außen als mehr Arbeit, als es ist. Es bereichert mich und mein Leben ja auch alles ungemein und macht mir Spaß.

Deine Tour heißt „Heute ist mal wirklich alles gut“, eine Zeile aus dem Song „Chelsea Boots“ vom neuen Album. Was war vorher nicht gut und was macht heute alles gut?

Christin: Es ist nie alles gut. Ich hasse diese Frage: “ Na du, alles gut?“. Nein. Aber Chelsea Boots ist das Gefühl, wenn alles kurz mal stimmt, einen Abend lang. Man sich unverwundbar und stark und schön fühlt und das Leben Sinn macht. Und der ganze dunkle Scheiß ganz weit weg ist. 

Möchtest du noch was loswerden?

Christin: Lasst uns auf einander aufpassen und lieb miteinander umgehen. Und kauft mein Album 🙂

Christin Nichols geht mit Veröffentlichung ihres neuen Albums auch auf Tour durch mehrere deutsche Städte:

22.04.2026 München, Milla 

23.04.2026 Stuttgart, Werkstatthaus 

24.04.2026 Mainz, Schon Schön

01.05.2026 Husum, Speicher

02.05.2026 Münster, Gleis 22

06.05.2026 Leipzig, Neues Schauspiel

07.05.2026 Berlin, Lido

08.05.2026 Erlangen, Unter einem Dach Festival

04.06.2026 Hannover, Faust

05.06.2026 Köln, Jaki

06.06.2026 Hamburg, Molotow

Foto: Bella Lieberberg

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