Jules Ahoi Pressefoto
Interviews

Jules Ahoi im Interview über sein neues Album „Dear ____“

Mit seinem neuen Album „Dear___“ hat Jules Ahoi wohl das persönlichste Album seiner bisherigen Musik-Laufbahn veröffentlicht. Wir haben mit ihm telefoniert, über sein neues Werk, Texte und Inspirationen gesprochen.

Wie geht’s dir? Ist mit dem Release alles gut verlaufen? Gerade in dieser seltsamen und schwierigen Corona-Zeit…

Jules: Also mir geht’s gut. Ich bin zufrieden wie das Album jetzt gestartet ist. Wir haben wirklich schöne Rückmeldungen bekommen von unseren Fans, von vielen anderen Leuten und von vielen anderen Musikblogs auch. Hätte glaube ich auch nicht besser laufen können, das ist echt cool gewesen. Deswegen bin ich sehr zufrieden gerade. Es ist ja auch immer so’n Ding, es ist zwar nicht das erste Album, was ich rausbringe, aber trotzdem ist es immer ultra spannend, was passiert und ob es ankommt, oder ob es nicht ankommt, was die Leute denken und so. Ich hatte eine harte Woche davor, viel Arbeit, viel Vorbereitung und das ist jetzt gerade alles so’n bisschen von mir abgefallen. Jetzt ist eigentlich alles wieder super entspannt. Ich freue mich jetzt auch auf den Sommer. Natürlich mit der Corona-Sache ist das ein bisschen komisch, kein einziges Konzert, kein Festival. Könnte man jetzt den Kopf in den Sand stecken, machen wir aber nicht und bleiben positiv und gucken, dass wir alles aufs nächste Jahr schieben. Es sitzen halt alle im selben Boot. Klar, es ist halt super scheiße, aber es bringt halt auch nichts da jetzt übelst negativ drüber nachzudenken. Weil es macht die Sache halt nicht besser und es regelt das auch nicht schneller. Wir müssen gucken, dass wir da alle irgendwie durchkommen und gemeinsam an einem Strang ziehen und jetzt nicht anfangen die Ellenbogen auszufahren, sondern das geht jetzt alles nur gemeinsam. Die Branche darf jetzt nicht gegeneinander arbeiten, sondern muss miteinander da durchkommen.

 „Dear___“ ist jetzt schon das dritte Album, das du veröffentlichst [….]

Jules: Genau genommen ist das sogar schon mein zehntes Studioalbum. (lacht) Ich habe aber vorher Hip Hop gemacht, hatte dann eine Indie Folk Band, auch vor Jules Ahoi, die hieß Manua Loa. Mit der haben wir auch drei Alben gemacht und als Rapper habe ich auch drei Alben gemacht. Und das ist jetzt, wie du schon sagtest, die dritte Veröffentlichung als Jules Ahoi, wenn man die EP nicht mitzählt. Also es ist schon ein bisschen was über den Studiotisch gewandert in den letzten Jahren. (beide lachen)

Jules Ahoi feat. Luna Morgenstern – Somebody (Musikvideo)

Was würdest du sagen, ist bei diesem Album anders als bei den Jules Ahoi-Vorgänger-Alben?

Jules: Also wenn man die mal alle so nebeneinander stellt, dann ist natürlich erstmal der Umfang viel, viel größer als bei den Alben davor. Es ist halt doppelt so lang wie jedes Album, was ich vorher gemacht habe. Ich hatte einfach viel zu sagen. Wir haben uns auch vom Indie-Folk, ich will nicht sagen verabschiedet, aber wir haben uns auf jeden Fall eine Ecke entfernt davon und sind poppiger geworden – würde ich jetzt mal behaupten. Aber auch irgendwie alternativer. Ich glaube, wir haben es geschafft eine ganz coole Brücke zu schlagen zwischen Pop und Indie-Folk und Indie-Pop und haben irgendwas dazwischen gefunden, was fresh ist. Ich hör’s mir gerne an und finde selber nach dem zwanzigsten Mal hören in meinen Songs noch Kleinigkeiten, die wir eingebaut haben.

Das ist nämlich auch relativ auffällig, dass ihr euch  Musik in verschiedenen Genres bewegt. Das finde ich auch immer spannend, wenn sich die Künstler*innen selber nicht an ein bestimmtes Genre binden.

Jules: Ich mag das auch. Ich finde, das gehört auch irgendwie nicht nur zu der musikalischen, sondern auch persönlichen Entwicklung dazu, dass man mal über den Tellerrand drüber schaut. Da kann man unter Umständen dann Dinge entdecken, die vorher völlig abwegig waren, die aber genauso zu einem gehören wie alles andere auch. Ich finde das bei Bands halt grundsätzlich immer super nice, wie du auch schon gerade sagtest, wenn man z.B. mal The 1975 nimmt oder Bon Iver, die so eigentlich überhaupt keinem Genre so richtig angehören und das sind zwei meiner absoluten Lieblingsbands zum Beispiel.

Und was würdest du sagen, aus welchem Genre kommst du ursprünglich? Mit welcher Musik bist du aufgewachsen bzw. sozialisiert worden?

Jules: Das ist eine richtig schwierige Frage. Ich habe fast überall mal reingeschnuppert. Weil wie gesagt, Hip Hop habe ich echt lange gemacht, auch in einer ziemlich prägenden Zeit. Ich habe das so von 12-18 ungefähr gemacht. Das ist echt lange. Da hatte ich so meine Wurzeln würde ich mal sagen. Aber ich habe schon viel früher angefangen Schlagzeug zu spielen. Hab da in Punk Bands gespielt z.B., oder Ska, Reggae Bands und hab‘ da getrommelt. Das habe ich eigentlich die ganze Zeit auch weiter gemacht, bis ich dann angefangen habe, Gitarre zu spielen und meine Songs dann auf die Gitarre zu transponieren. Da habe ich aufgehört Schlagzeug zu spielen und hab‘ dann nur noch Gitarre gespielt, habe dann aber auch aufgehört Hip Hop zu machen. Und dann bin so in diese Folk/Singer Songwriter Ecke gerutscht auf einmal. Und da bewege ich mich jetzt einfach schon 12 Jahre. Das ist also wohl eher dann die Ecke, wo alle Wege hingeführt haben letztendlich.

Und gibt es Artists, die dich in deiner Musik beeinflussen/inspirieren?

Jules: Bon Iver ist auf jeden Fall eine große Referenz würde ich sagen, ich liebe auch Ben Howard und den Prozess, den er musikalisch durchgemacht hat. Also wie es sich immer weiter von diesem Surfer Singer Songwriter-Zeug in diese super nischige Ecke bewegt hat. Finde ich auch super interessant und ich liebe vor allem die Live-Konzerte von ihm. Ich finde das Wahnsinn, was da rüberkommt. Wobei es da ja gerade bei ihm auch geteilte Meinungen gibt. Das sind so zwei Referenzen, die ich auf jeden Fall immer gerne angebe, weil die mich schon durchaus als Künstler beeinflussen.

Wenn dich nicht gerade andere Musiker*innen inspirieren, findest du dann deine Inspiration auch beispielsweise in Büchern oder so?

Jules: Auf jeden Fall! Ich bezeichne mich immer gerne als kleiner Schwamm, der so ausgetrocknet irgendwo rumliegt und durch die ganzen Umwelteinflüsse und Erfahrungen sich langsam vollsaugt, bis keine Kapazität mehr da ist und sich dann in einem Rutsch auspresst und alles rauslässt, was er die letzten Jahre oder Monate quasi aufgesogen hat. Ich lasse mich durch alles mögliche beeinflussen. Gerade jetzt auch die Zeit, ich bin super unkreativ eigentlich. Das liegt zum einen vor allem daran, dass einfach viel Arbeit um das Album herum passiert gerade, zum anderen möchte ich aber auch unbedingt jetzt gerade als Kulturschaffender und Künstler diese Zeit, die jetzt schon besonders ist, aufnehmen und zwar voll und ganz. Ich möchte alles mitbekommen, was hier gerade passiert, was das mit den Menschen macht und was das mit der Kunst macht. Ich finde das sehr interessant einfach. Deswegen sehe ich mich jetzt gerade eher als Beobachter und das wird dann auch irgendwann rauskommen, denke ich. Vielleicht auch nicht, weiß ich nicht. (beide lachen)

Wie entstehen denn deine Texte? Setzt du dich bewusst hin, um diese zu schreiben oder entstehen Passagen/Strophen auch einfach mal, wenn du irgendwo unterwegs bist?

Jules: Was mir häufig passiert ist, dass ich aufwache und eine Melodie im Kopf habe. Dann greife ich die Gitarre und spiele das so lange bis es da ist. Ich bin aber auch jemand, der jeden Tag irgendwas schreibt. Ich habe in meinem Handy so digitalen Notizzettel und da schreibe ich einfach jeden Tag irgendwas rein. Das hab ich mir einfach angewöhnt. Gedanken die ich habe, oder schöne Wörter, Gefühle oder so. Ich schreibe die einfach auf und das ist wie so ein, ich will nicht sagen Tagebuch, aber irgendwie schon. Da steht von jedem Tag irgendwas drin und manchmal gucke ich da rein und denke Oh, das ist ein schöner Gedanke und wenn dieser Moment stattfindet, ich reinschaue und irgendwas hängenbleibt, was ich geschrieben habe, dann ist der Song eigentlich schon da. Ich glaube, die Songs suchen sich ihren Weg. Die sind alle schon da. Man muss nur das richtige Medium finden und dann einfach machen.

Jules Ahoi – Oh, Agnes (Musikvideo)

Lass uns mal über dein neues Album sprechen. Im Song „Oh Agnes“ sprichst du dich gegen die gängigen Standards und Klischees – und z.B. auch typischen Geschlechterrollen aus. Magst du uns was zur Entstehungsgeschichte des Songs erzählen?

Jules: Also Oh Agnes ist, meiner Meinung nach, der wichtigste Song auf dem Album. Das ist ein Song, den habe ich schon ziemlich lange auf der hohen Kante liegen, bzw. die Idee dafür. Das lag mir schon immer so’n bisschen auf der Seele da irgendwann mal darüber zu reden, dass viele Dinge falsch laufen und vor allem auch den Ursprung des Ganzen ein bisschen anzugehen – nämlich die Erziehung unserer Eltern oder die Erziehung von uns im Kindesalter. Die Erziehung, die unsere Eltern uns quasi mitgeben auf den Weg und was das Ganze eigentlich mit uns macht und unsere Rollenbilder und Geschlechterrollen definiert. Ich für meinen Teil wurde z.B. im Kindergarten häufig gehänselt, weil ich viel mehr Mädels als Freunde hatte als Jungs, weil ich keine Lust hatte auf Fußball spielen und weil mir mal als Kind schon diese ganzen Rollen nicht eingeleuchtet haben. Ich hatte zu dem Ganzen schon so viel aufgeschrieben und habe aber immer so ein bisschen auf den Moment gewartet, dass ich quasi als Künstler reif dafür bin sowas zu sagen und es nicht einfach nur verpufft. Beim Entstehungsprozess dieses Albums habe ich gedacht, dass es jetzt dieser Zeitpunkt sein könnte, dass ich etwas dazu sagen möchte.

Empfindest du es denn als wichtig, dass man als Künstler*innen so klare Messages nach außen hinträgt und meinst du, das sollten viel mehr Artists machen? Quasi, wenn sie etwas zu sagen haben, es auch sagen.

Jules: Da sprichst du genau den springenden Punkt an, wenn Künstler etwas zu sagen haben, dann sollten sie es auch tun. Wenn Künstler nichts zu sagen haben und das machen, weil es gerade zum guten Ton gehört etwas zu sagen, dann sollte der ein oder andere lieber die Klappe halten. Solche Themen bedürfen die volle Aufmerksamkeit und müssen auch, meiner Meinung nach, mit Ernsthaftigkeit behandelt werden. Wenn es nur läpsch dahingesagt wird, man es den Leuten nicht abnimmt, dann kann es auch gerne und schnell ins Gegenteil umschlagen und das wäre traurig

 Generell ist dein Album sehr intim und persönlich geworden. Ist es nicht schwer solche Momente quasi mit der Öffentlichkeit zu teilen?

Jules: Das Album ist wirklich sehr persönlich geworden. Vielleicht ist das sogar das persönlichste, was ich bislang gemacht habe. Ich glaube aber, das ‚die Hosen runterzulassen‘ vor seinen Zuhörern gehört ja auch irgendwie so’n bisschen zum Beruf dazu. Teils ist das eine große Überwindung, v.a. Songs zu singen von den älteren Platten ist für mich eigentlich die größere Überwindung, weil […] ich kann das gar nicht so ganz in Worte fassen. Teilweise triggert das Gefühle in mir, die ich schon lange hinter mir gelassen habe und auf die ich eigentlich nicht mehr stolz bin bzw. die ich vielleicht nicht mehr fühlen möchte, weil ich das genau mit diesen Songs abgeschlossen habe. Ich habe sie geschrieben, habe das Gefühl rausgelassen. Musik ist hier definitiv mein Ventil für sowas und dann ist das für mich auch so’n Stück weit geregelt. Es gibt viele Songs, die ich nicht mehr spiele z.B., einfach weil das live kaum ertragen kann, die zu singen. Ich denke mir halt keine Geschichten aus. Die Songs, die ich schreibe und singe, sind Geschichten, die mein Leben mit mir schreibt und nicht irgendwelche Fabeln. Da kann es doch durchaus sein, dass mal der ein oder andere Song von der Setlist fliegt, weil man vielleicht einfach an dem Tag nicht fühlt oder man nicht mehr damit konfrontiert werden möchte.

Jules Ahoi – Mount I Am (Musikvideo)

Du hast gerade schon gesagt, Musik ist dein Ventil – ist es dann auch ein Stück weit verarbeiten von Dingen, indem du die Sachen einfach niederschreibst quasi?

Jules: Absolut, also zu 100%. Es gibt für mich keine andere Möglichkeit als durch die Musik meine Gefühle zu verarbeiten. Es ist einfach eine Bewältigung des ganzen Mists, der einem die Jahre widerfahren ist. Da hat ja jeder sein Päckchen zu tragen und bei mir sind das halt meine Songs, die ich öffentlich zur Schau stelle. Es ist natürlich häufig irgendwie schwierig. Auch wenn man einen Song schreibt oder singt, der einem echt nah am Herzen liegt und die Leute es vielleicht gar nicht verstehen, worum es geht. Ich glaube, das sind aber Dinge, die lernt man über die Jahre, da lernt man mit umzugehen. Das gehört halt irgendwie zum Beruf dazu.

Wenn du auf dein Gesamtwerk schaust, gibt es einen Song, der dir besonders am Herzen liegt? Und wenn ja, wieso, was macht diesen aus?

Jules: Also wie gesagt Oh Agnes ist auf jeden Fall einer meiner liebsten Songs und ein Song, auf den ich stolz bin und den ich richtig gerne und hoffentlich bald auf die Bühne bringe. Dann gibt es noch Moun Iam das ist jetzt die letzte Single, die wir gemacht haben mit dem Album Release. Und das ist einfach ein Song, den ich wahnsinnig gerne mag und in dem einfach unglaublich viel von mir drinsteckt. Viel Gefühl und ich bin einfach stolz auf die Produktion, stolz auf den Song und ich bin ultra gespannt den live zu spielen, ich glaube das wird sehr, sehr schön. Ach, ich könnte dir eigentlich zu jedem Song vom Album sowas erzählen, weil das alles Stücke sind, die auf einmal da waren in meinem Kopf und die jetzt auf der Platte sind und die sind für mich alle sehr besonders. Das ist wie so eine Zeitkapsel das Album. Irgendwie schön sowas zu haben und ich gucke jetzt in mein Plattenregal, sehe das Album denke Boah, das sind einfach zwei Jahre Leben, die da drinstehen.

Foto: Matthias Wagner